Der Staat

Manche Aussagen hat uns Platon, man könnte sagen, als verhinderten Politiker gezeigt, und das politische Problem, die richtige Einrichtung des Staates, ist es, mit dem er durch sein ganzes Leben in immer erneuten Anläufen gerungen hat. «Polis», der Zentralbegriff in Platons Staatsdenken, ist übrigens die Wurzel unseres Wortes «Politik». Rechtes Handeln, Tugend, Sittlichkeit, Gerechtigkeit und alles, was Platon zunächst am Einzelmenschen darlegt, kehrt im Staat in vergrößertem Maßstab wieder, kann in ihm erst richtig verstanden werden und nur in ihm zur vollen Erfüllung kommen. Die höchste Form des sittlichen Lebens ist das sittliche Leben der Gemeinschaft in einem guten Staat. Man kann auch in der Staatslehre Platons einen negativ-kritischen und einen positiv-aufbauenden Teil unterscheiden. Im ersteren setzt er sich auf Grund des reichen Anschauungsunterrichts, den ihm sein Leben geboten hatte, mit dem Bestehenden auseinander. Im letzteren zeichnet er das Bild eines idealen Staates. Aus jedem geben wir einen kennzeichnenden Ausschnitt.

Die Kritik der bestehenden Verfassungen. Es gibt ebenso viele Arten von Verfassungen, wie es Arten von Menschen gibt, denn die Verfassung entsteht aus dem Charakter der Menschen, die einen Staat bilden, und formt diesen wiederum. Platon untersucht die verschiedenen Staatsformen und den ihnen zugeordneten Menschentypus.

Die Oligarchie ist diejenige Verfassung, «die sich auf die Schätzung des Vermögens gründet, in der die Reichen herrschen, die Armen aber von der Regierung ausgeschlossen sind...»

Die Oligarchie hat drei große Fehler. Der erste: «Wenn jemand auf diese Weise für die Schiffe Steuermänner ernennen wollte nach der Vermögensschätzung; Armen aber, wenn sie auch die Steuermannskunst viel besser verständen, wäre sie nicht verstattet! Die würden... eine böse Fahrt haben... Ist es nun nicht ebenso mit jeder Leitung irgendeiner andern Sache? Auch beim Staat? Wohl um so viel mehr, als dessen Regierung die schwierigste und wichtigste Aufgabe ist.»

Der zweite Fehler ist, «dass ein solcher Staat notwendig nicht einer ist, sondern zwei; den einen bilden die Armen, den andern die Reichen, und diese beiden Parteien werden, obwohl sie im gleichen Gemeinwesen zusammen wohnen, einander fortgesetzt bedrohen».

Der dritte Fehler ist «die für jedermann bestehende Möglichkeit, seinen ganzen Besitz zu verschwenden und dann nichtsdestoweniger in dem Staat wohnen zu bleiben als ein mittelloser Armer» Immer aber «gibt es in einem Staat, wo man Bettler antrifft, im geheimen auch Diebe, Beutelschneider, Tempelräuber und sonstige gewerbsmäßige Verbrecher».

Der dieser Verfassung entsprechende Menschentyp ergibt sich notwendig. Denn: «Was aber jedesmal in Achtung steht, das wird auch geübt, und das nicht Geachtete bleibt liegen.» Anstatt nach Weisheit und Gerechtigkeit werden die Menschen danach streben, Profit zu machen und Schätze zu sammeln. Drohnenhafte Begierden auf der einen, bettlerhafte auf der andern Seite werden einen Menschen entstehen lassen, der von dem Ideal der ausgeglichenen sittlichen Persönlichkeit denkbar weit entfernt ist.

Aus dem in der Oligarchie herrschenden Klassenkampf kann eine Demokratie entstehen. «Eine Demokratie also entsteht, denke ich, wenn die Armen den Sieg davontragen und von der Gegenpartei die einen hinrichten lassen, die andern verbannen und den übrigen Bürgern gleichen Anteil an der Staatsverwaltung und an den Ämtern geben»

Das Schlagwort der Demokratie ist Freiheit. «Vor allem sind die Leute frei, und die ganze Stadt hallt wider von Freiheit und unbeschränkter Meinungsäußerung, und jedermann darf hier tun, was er will» - «Und... dass man sogar nicht gezwungen ist, am Regiment teilzunehmen in einem solchen Staat, und wenn du auch noch so geschickt dazu bist, noch auch zu gehorchen, wenn du nicht Lust hast, und ebenso wenig, wenn die anderen Krieg führen, auch mitzutun, oder Frieden zu halten, wenn die andern ihn halten, du aber keine Lust dazu hast, ist das für den Augenblick nicht eine göttliche und höchst vergnügliche Daseinsweise? Diese und ähnliche wären also die Eigenschaften der Demokratie, und sie ist demnach eine vergnügliche Verfassung, ohne Regierung, buntscheckig, und verteilt eine angebliche Gleichheit gleichermaßen an Gleiche und Ungleiche».

Wie sieht der Mensch aus, der dieser Verfassung entspricht? Müssen nicht Zügellosigkeit und allgemeine Auflösung um sich greifen? Wie soll man die Jugend erziehen, wenn alle gleich und alle gleich frei sind? «Der Lehrer zittert unter solchen Verhältnissen vor seinen Schülern und schmeichelt ihnen; die Schüler aber machen sich nichts aus den Lehrern und überhaupt stellen sich die Jüngeren den Älteren gleich und treten mit ihnen in die Schranken in Worten und Taten; die Alten aber setzen sich unter die Jugend und suchen es ihr gleichzutun an Fülle des Witzes und lustigen Einfällen, damit es nämlich nicht das Ansehen gewinne, als seien sie missvergnügt oder herrisch.» - «Schamhaftigkeit nennen sie Dummheit und verstoßen sie in ehrlose Verbannung, Besonnenheit heißen sie Unmännlichkeit, beschimpfen sie und jagen sie hinaus; Mäßigkeit aber und häusliche Ordnung stellen sie als bäurisches und armseliges Wesen dar und bringen sie über die Grenze...»

Der Demokratie folgt Tyrannis (Gewaltherrschaft). «Denn daß sie eine Reaktion gegen die Demokratie ist, das ist doch wohl klar!» Wie vollzieht sich dieser Übergang? «Was die Oligarchie sich als das größte Gut vorsteckte und wodurch sie auch zustande gekommen war, das war doch der große Reichtum.

Die Unersättlichkeit im Reichtum aber und die Vernachlässigung alles übrigen um des Geldmachens willen führte zu ihrem Untergang... Und die Demokratie, löst nicht auch diese sich auf durch die Unersättlichkeit in dem, was sie als ihr Gut bestimmt? Die Freiheit.»

«Und in der Tat, wo etwas auf die Spitze getrieben wird, da pflegt als Folge ein Umschlag ins Gegenteil einzutreten: so ist es bei den Jahreszeiten, bei den Pflanzen, bei der Ernährung des Körpers und nicht am wenigsten bei den Staaten... Und so wird denn auch, wie es scheint, die auf die Spitze getriebene Freiheit für den einzelnen Bürger wie für den Staat in nichts anderes umschlagen als in die entsprechende Knechtschaft.»

Der Weg führt über die Stellung des Volksführers. «Stellt das Volk nicht gewöhnlich einen Mann als seinen besonderen Führer an die Spitze, den es dann hegt und pflegt und großmächtig macht?» Dieser aber kostet von der Macht, und sie berauscht ihn, wie das Tier, das in den Blutrausch gerät.

«Ist es nun nicht ebenso, wenn ein Volksführer, gestützt auf die ihm völlig ergebene Menge, vor Blutvergießen unter seinen Mitbürgern nicht zurückschreckt, sondern - wie sie es gern machen - auf ungerechte Beschuldigungen hin sie vor Gericht führt und Blutschuld auf sich lädt, indem er Menschenleben vernichtet und Verbannungs- und Todesurteile ausspricht, wobei er auf Niederschlagung der Schulden und Verteilung der Grundstücke von ferne hindeutet, dass dann für einen solchen die unausweichliche Notwendigkeit besteht, entweder durch seine Feinde unterzugehen oder ein Tyrann und also aus einem Menschen ein Wolf zu werden?»


Unsere jüngste Geschichte wurde schon vor zweitausend Jahren geschrieben!

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